Oura hat seinen Börsengang am 29. September kurz vor dem geplanten Nasdaq-Debüt verschoben – offiziell wegen „Unsicherheit am IPO-Markt“. Das Unternehmen wächst rasant und ist knapp profitabel, doch die angepeilte Bewertung und der hohe Anteil verkaufender Altaktionäre werfen Fragen auf.
Das Wichtigste in Kürze
- Oura verschiebt den IPO wegen Marktunsicherheit – Bewertung und Altaktien-Verkäufe sorgen für Skepsis.
- 73 % der angebotenen Aktien stammten von bestehenden Aktionären, vor allem von zwei frühen Wagniskapitalgebern.
- Risiko: Bei 14–16 Mrd. US-Dollar Bewertung muss Oura jahrelang Marktführer bleiben.
Zur Beleglage: Geschäftszahlen und Angebotsstruktur stammen aus Ouras Börsenprospekt (S-1/A vom 21. September) bei der US-Börsenaufsicht SEC. Das sind Unternehmensangaben; die Jahresabschlüsse darin sind geprüft, die Quartalszahlen nicht. Bewertungen und Kennzahlen sind eigene Rechnungen mit genanntem Rechenweg. Alle Quellen stehen am Ende des Artikels (Stand: 1. Oktober 2026).
Oura wächst schnell – und ist knapp profitabel
Oura ist kein schwaches Unternehmen. Laut Prospekt stieg der Umsatz in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 (bis 30. Juni) um 74 Prozent auf 1,21 Mrd. US-Dollar. Das Geschäftsjahr endet am 30. September. Für das Gesamtjahr erwartet Oura laut seiner Mitteilung zur Verschiebung, zitiert nach TechCrunch, ein Umsatzplus von rund 90 Prozent. Auf Basis von 907,9 Mio. US-Dollar Umsatz im Geschäftsjahr 2025 entspräche das etwa 1,7 Mrd. US-Dollar (907,9 Mio. × 1,9 – eigene Rechnung).
Der Gewinn ist dagegen dünn. In den ersten neun Monaten blieben 60,8 Mio. US-Dollar Nettogewinn, im gesamten Geschäftsjahr 2025 waren es nur rund 12.000 US-Dollar. Zum Ende des Geschäftsjahres 2026 rechnet Oura mit rund 5,7 Mio. zahlenden Mitgliedern, ein Plus von 96 Prozent (Mitteilung vom 21. September). Ende Juni waren es 5,0 Mio.
Das ist eine starke Basis. Doch die Bewertung, die Oura anstrebte, verlangt mehr als solide Zahlen – sie verlangt, dass Oura auf Jahre hinaus die dominierende Plattform für Gesundheits-Wearables bleibt.
73 Prozent der IPO-Aktien kamen von Altaktionären
Die geplante Struktur des Börsengangs war laut Ouras Mitteilung und Prospekt eindeutig: Von 50 Mio. angebotenen Aktien sollten nur 13,5 Mio. neu von Oura kommen. Der Rest, 36,5 Mio. oder 73 Prozent, kam von bestehenden Aktionären. Mit der Mehrzuteilungsoption der Banken wären es 44 von 57,5 Mio. Aktien gewesen, also gut 76 Prozent. Die Preisspanne lag bei 40 bis 44 US-Dollar.
Wer verkauft, zeigt die Aktionärstabelle im Prospekt. Die 36,5 Mio. Aktien stammen fast vollständig von zwei frühen Investoren: Forerunner Ventures wollte seine gesamte Beteiligung von 28,7 Mio. Aktien (9,3 Prozent) abgeben. Lifeline Ventures, das schon die Seed-Runde 2014/15 anführte, wollte 6,9 von 22,6 Mio. Aktien verkaufen, Elysian Park Ventures 0,9 Mio.
Auch die neuen Aktien bringen Oura wenig Wachstumskapital. Von rund 533 Mio. US-Dollar Nettoerlös will Oura laut Prospekt rund 526 Mio. dafür verwenden, die Steuern auf Aktienzuteilungen an Mitarbeiter (RSUs) abzuführen. Das macht den IPO eher zu einem Liquiditätsereignis für Investoren und Belegschaft als zu einer Kapitalerhöhung für die nächste Wachstumsphase.
Ein hoher Verkaufsanteil beweist allein kein mangelndes Vertrauen
Die naheliegende Lesart – Insider steigen aus, weil sie die Bewertung für zu hoch halten – ist möglich, aber nicht die einzige. Es gibt mehrere plausible Gegenargumente, die sich ebenfalls aus den Unterlagen ergeben.
Erstens verkaufen nicht die Manager. CEO Tom Hale und Executive Chairman David Shuman geben im Grundangebot keine Aktie ab; Hale wollte nur bei Ausübung der Mehrzuteilungsoption rund 230.000 Aktien verkaufen. Die beiden größten Einzelaktionäre, Fondsgesellschaften von Fidelity (10,9 Prozent) und Bedford Ridge (9,2 Prozent), verkaufen gar nicht. Zudem hatten Eli Lilly (bis zu 100 Mio. US-Dollar) und Dragoneer (bis zu 300 Mio.) unverbindliches Kaufinteresse angemeldet.
Zweitens ist die Struktur bei späten Börsengängen verbreitet. Beim IPO von Klarna im September 2025 kamen 29,3 von 34,3 Mio. Aktien von Altaktionären (85 Prozent), bei Figma im Juli 2025 24,5 von 36,9 Mio. (66 Prozent). Frühphasen-Investoren wie Lifeline sind seit über zehn Jahren investiert; Wagniskapitalfonds haben begrenzte Laufzeiten und müssen Kapital irgendwann an ihre Geldgeber zurückgeben.
Drittens braucht Oura das Geld nach eigener Darstellung weniger dringend. Das Unternehmen hat im Geschäftsjahr 2025 über eine Series E rund 907 Mio. US-Dollar eingesammelt und schreibt im laufenden Jahr Gewinne. Allerdings standen Ende Juni 371,8 Mio. US-Dollar Barmitteln 380,1 Mio. Schulden gegenüber, überwiegend aus einer Kreditlinie.
Viertens bleibt der Rest gebunden: Fast alle übrigen Aktionäre unterliegen einer Sperrfrist (Lock-up) von 180 Tagen. Für Neuaktionäre ist das aber auch ein Risiko. Laut Prospekt können bis zu 232,9 Mio. Aktien gestaffelt früher frei werden, rund 51 Mio. davon vorzeitig, falls der Kurs in den ersten 60 Tagen bestimmte Schwellen über dem Ausgabepreis übersteigt.
Unsere Einschätzung: Der Komplettausstieg eines führenden Frühinvestors ist ein Datenpunkt, den Käufer einpreisen sollten. Ein Beweis für mangelndes Vertrauen in Oura ist er nicht.
Die Bewertung von 14–16 Mrd. US-Dollar verlangt viel
Medien nannten eine angepeilte Bewertung von bis zu 15 bis 16 Mrd. US-Dollar. Unsere Rechnung aus dem Prospekt: 320,9 Mio. Aktien nach dem IPO × 40 bis 44 US-Dollar ergeben 12,8 bis 14,1 Mrd. US-Dollar. Rechnet man Optionen und Aktienzusagen an Mitarbeiter hinzu (rund 34,9 Mio. Aktien), sind es 355,8 Mio. Aktien und 14,2 bis 15,7 Mrd. US-Dollar.
Gemessen am Umsatz der letzten zwölf Monate bis Juni 2026 von 1,42 Mrd. US-Dollar (907,9 − 697,6 + 1.214,5 Mio.) entspricht die vollverwässerte Bewertung dem 10- bis 11-Fachen. Auf den erwarteten Jahresumsatz von rund 1,7 Mrd. sind es das 8- bis 9-Fache. Der Nettogewinn derselben zwölf Monate lag bei rund 59 Mio. US-Dollar (0,01 − 1,6 + 60,8 Mio.), das ergibt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 240 bis 265.
Dabei stammen noch immer rund 80 Prozent der Erlöse aus Hardware (neun Monate bis Juni 2026). Anleger zahlen nicht für das heutige Oura, sondern für die Erwartung, dass Oura jahrelang Marktführer bleibt und das Abo-Geschäft deutlich wächst.
Apple und andere Konkurrenten setzen Oura unter Druck
Der Wettbewerb wird härter. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 22. September, über den unter anderem MacRumors berichtete, testet Apple Prototypen eines bildschirmlosen Fitness-Trackers nach dem Vorbild von Whoop. Ob das Projekt weiterverfolgt wird, ist offen; ein Start wäre demnach nicht vor 2028 zu erwarten.
Oura selbst nennt im Prospekt Apple, Google (inklusive Fitbit), Samsung, Garmin, Coros und Whoop als Wettbewerber. Oura müsste seine Führungsposition gegen deutlich größere Konzerne mit mehr Ressourcen verteidigen.
Akku-Probleme haben die Garantiekosten 2025 kräftig erhöht
In Nutzerforen wie Reddit finden sich Berichte über nachlassende Akkus, Ersatzgeräte und die Kombination aus teurer Hardware und laufendem Abo. Solche Berichte sind nicht repräsentativ, und wir haben sie nicht systematisch ausgewertet.
Belastbarer ist der Prospekt: Bestimmte Chargen des Oura Ring 4 hatten laut Oura Akku-Probleme, das Unternehmen ersetzte betroffene Ringe teils auch außerhalb der Garantie. Im Geschäftsjahr 2025 stiegen die Garantiekosten dadurch um 84,4 Mio. US-Dollar. Zur Einordnung: In den ersten neun Monaten 2026 stieg die Bruttomarge laut Oura von 51 auf 55 Prozent, auch wegen geringerer Garantiequoten neuerer Ringe.
Oura ließ sich schon vor dem IPO handeln
Ein ungewöhnlicher Punkt: Auf Oura konnte man bereits wetten, bevor die erste Aktie an der Nasdaq notiert. Binance startete am 23. September einen Pre-IPO-Perpetual-Future (OURAUSDT) mit bis zu 20-fachem Hebel. Grundlage ist die geschätzte Aktienzahl von 320,9 Mio. aus dem Prospekt.
Damit kann der Markt Oura bewerten, bevor überhaupt ein echter Handel beginnt. Für Anleger heißt das: Die Kursfindung beginnt früher – und kann unangenehm werden, wenn die Stimmung kippt.
Eine Verschiebung ist noch kein Urteil über Oura
Oura nennt „Unsicherheit am IPO-Markt“ als Grund, und die Bedingungen für Börsengänge haben sich tatsächlich verschlechtert; laut Reuters reiht sich Oura in eine Welle verschobener IPOs ein. Barron’s titelte dagegen, das eigentliche Problem sei nicht die Marktunsicherheit, und stellte die Bewertung in den Mittelpunkt.
Klarna zeigt, dass beides stimmen kann: Das Unternehmen verschob seinen Börsengang im April 2025 wegen der Zoll-Turbulenzen und ging im September 2025 doch an die Börse. Aus einem begehrten IPO kann dabei schnell eine offene Frage nach der Bewertung werden.
Unsere Einschätzung
Was dafür spricht
- Oura wuchs in neun Monaten um 74 Prozent und erwartet rund 90 Prozent Plus im Gesamtjahr.
- Rund 5,7 Millionen zahlende Mitglieder (Unternehmensprognose) sorgen für wiederkehrende Einnahmen.
- Management und größte Aktionäre verkaufen im Grundangebot nicht; Großinvestoren meldeten Kaufinteresse an.
Was dagegen spricht
- 73 Prozent der IPO-Aktien kamen von Altaktionären, Forerunner wollte komplett aussteigen; die neuen Aktien finanzieren vor allem Mitarbeitersteuern.
- Die Bewertung von 14–16 Mrd. US-Dollar entspricht rund dem 240- bis 265-Fachen des Gewinns der letzten zwölf Monate.
- Rund 80 Prozent des Umsatzes stammen noch aus Hardware – ein margenschwächeres, zyklisches Geschäft.
- Akku-Probleme beim Ring 4 trieben die Garantiekosten 2025 um 84 Mio. US-Dollar nach oben.
Worauf du achten solltest
- Neue IPO-Unterlagen oder ein neuer Termin – achte auf Veränderungen bei Bewertung und Anteil der Altaktionäre.
- Die geprüften Zahlen für das Geschäftsjahr bis 30. September 2026: Bestätigen sie das Umsatzplus von rund 90 Prozent?
- Apple-Produktankündigungen im Bereich Gesundheits-Tracker – ein Markteintritt würde den Wettbewerb verschärfen.
Fazit
Oura ist ein starkes Unternehmen, aber ein IPO bei 14–16 Mrd. US-Dollar Bewertung ist kein Selbstläufer. Der Ausstieg früher Investoren ist bei späten Börsengängen üblich, ändert aber nichts daran, dass die Bewertung rund das 250-Fache des Gewinns der letzten zwölf Monate verlangt. Ob der Markt das mitträgt, zeigen erst die nächsten Unterlagen mit den geprüften Jahreszahlen.
Quellen
Alle Links abgerufen am 1. Oktober 2026. In Klammern: Veröffentlichungsdatum.
- Oura Inc.: Registrierungsdokument Form S-1/A (vorläufiger Prospekt), SEC (21.09.2026) – Angebotsstruktur, Verkäufer, Umsatz, Gewinn, Garantiekosten, Lock-up, Mittelverwendung
- Oura Inc.: Free Writing Prospectus / Pressemitteilung zum IPO-Start, SEC (21.09.2026)
- Oura Inc.: Oura Postpones Initial Public Offering, Business Wire (29.09.2026)
- TechCrunch: Oura shelves its $2.2B IPO, citing ‘uncertainty’ in the market (29.09.2026)
- Reuters: Oura joins wave of IPO delays as markets turn shaky (29.09.2026)
- Barron’s (via MSN): Forget ‘Market Uncertainty.’ Here’s the Real Issue Behind Oura’s Halted IPO (29.09.2026)
- Binance: Binance Futures Will Launch OURAUSDT Perpetual Contract Pre-IPO Trading (23.09.2026)
- MacRumors: Apple Testing Prototypes of Whoop-Like Screenless Fitness Band, unter Berufung auf Bloomberg (22.09.2026)
- Klarna Group plc: Prospekt Form 424B4, SEC (10.09.2025)
- Figma, Inc.: Prospekt Form 424B4, SEC (31.07.2025)
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