Die KI-Cloud-Anbieter CoreWeave, Nebius und IREN haben diese Woche zeitweise rund ein Fünftel ihres Börsenwerts verloren, ausgelöst durch CoreWeave-Anleihen mit 15 Prozent Rendite. Im All-In-Podcast vom 17. Oktober 2026 haben Chamath Palihapitiya, David Sacks, Jason Calacanis und Gastmoderator Ben Horowitz fast eine halbe Stunde darüber gestritten, ob hier die KI-Blase platzt – ihre Antwort ist weniger beruhigend, als sie klingt.
Das Wichtigste in Kürze
- Alle vier Hosts halten die KI-Nachfrage für intakt und sehen bei CoreWeave keine akute Pleitegefahr.
- Chamath nennt die Schwachstelle: Das Modell lebt von geliehenem Geld und hängt an den US-Zinsen.
- Größtes Risiko: Rund 35 Mrd. US-Dollar Schulden, weitere rund 35 Mrd. müssen laut Chamath noch aufgenommen werden.
Eine Anleihe mit 15 Prozent Rendite hat den Ausverkauf ausgelöst
Der Auslöser kam vom Kreditmarkt, nicht aus dem Geschäft. Chamath Palihapitiya teilte am 13. Oktober einen Chart der CoreWeave-Anleihe mit Laufzeit bis 2032, deren Rendite zeitweise 15 Prozent erreichte – bei einem Kupon von 9,625 Prozent. Elon Musk antwortete mit einem Wort: „Yikes“ (Benzinga). Wir hatten über den Kurssturz am 14. Oktober bereits berichtet.
Am 14. Oktober fiel die CoreWeave-Aktie laut CNBC um 15,5 Prozent. Nebius schloss 10,1 Prozent tiefer bei 186,01 US-Dollar (TheStreet). Am selben Tag sagte Gartner voraus, dass mehr als 80 Prozent der Neoclouds – spezialisierte Anbieter, die GPU-Rechenleistung vermieten – bis 2030 nicht mehr eigenständig bestehen werden (Gartner).
CoreWeave finanziert jeden Kundenvertrag in einer eigenen „Box“
Um den Streit zu verstehen, spielte Calacanis einen Ausschnitt aus dem März-Interview mit CoreWeave-Gründer Michael Intrator ab. Darin beschreibt Intrator „die Box“: eine Zweckgesellschaft, in die der Kundenvertrag (etwa mit Microsoft), die bei Nvidia gekauften GPUs und der Rechenzentrumsvertrag wandern. Der Kunde zahlt an die Box, nicht an CoreWeave.
Aus diesem Geld werden nach Intrators Darstellung zuerst Rechenzentrum, Strom, Zinsen und Tilgung bezahlt, erst der Rest fließt an CoreWeave. Nach zweieinhalb Jahren eines Fünfjahresvertrags sei alles abbezahlt. Die Boxen seien voneinander getrennt, ein Problem in einer Box könne nicht auf die anderen übergreifen. Das ist die Darstellung des Unternehmens, keine unabhängig geprüfte Aussage.
Chamath sieht ein Zinsproblem, kein Nachfrageproblem
Palihapitiya schaut auf die Kreditausfallversicherungen (CDS) – Papiere, mit denen sich Anleihegläubiger gegen eine Pleite absichern. Deren Preis sei diese Woche auf rund 953 Basispunkte gestiegen. Nach seiner Rechnung entspricht das etwa 16 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit pro Jahr und rund 55 Prozent über fünf Jahre: „ein Münzwurf“, so habe es der Markt bepreist.
Die Ursache sieht er vor allem außerhalb von CoreWeave. Weil die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steigt, müssen alle riskanten Schuldner mehr zahlen. CoreWeave zahle im Schnitt rund 8,5 Prozent Zinsen, eine GPU-Kredittranche sei aber auf 15 Prozent gesprungen. Gleichzeitig seien die Kundenverträge zu Festpreisen geschlossen. Steigen die Finanzierungskosten, schrumpft die Marge, und mehr Umsatz bringen die Verträge nicht.
Die zentrale Zahl: Rund 35 Mrd. US-Dollar Schulden habe CoreWeave aufgenommen, weitere rund 35 Mrd. brauche das Unternehmen, um alle unterschriebenen Verträge zu finanzieren. Der Quartalsbericht zum 30. Juni 2026 bestätigt die erste Hälfte: Zusammengerechnet stehen dort rund 35,1 Mrd. US-Dollar Schulden (eigene Addition der vier Bilanzposten). Nach Schätzung von Chamaths Team liegt CoreWeave nur rund 5 Mrd. US-Dollar von dem Punkt entfernt, an dem die Einnahmen die Verpflichtungen nicht mehr decken.
Daraus entstehe eine sich selbst verstärkende Schleife: Höhere Zinsen drücken die Marge, das treibt die CDS-Preise, das treibt die Anleiherenditen. Trotzdem sagt Palihapitiya, er sehe „kein echtes Risiko“. Es sei aber ein „Vertrauensspiel“, das sich im kommenden Monat entscheide.
Ben Horowitz meidet Neoclouds wegen einer Erfahrung aus 2001
Horowitz, Mitgründer des Wagniskapitalgebers Andreessen Horowitz (a16z), nennt Firmen wie CoreWeave „Rube-Goldberg-Finanzmaschinen“ – extrem verschachtelt und von vielen Annahmen abhängig. Sein Fonds sei deshalb in keine Neocloud investiert. Der Grund liegt in seiner eigenen Firma Loudcloud: 1999 habe Bandbreite 1.500 US-Dollar pro Megabit gekostet und nur mit Dreijahresverträgen zu bekommen gewesen, 2001 nur noch 50 US-Dollar. Wer damals Bandbreite auf Kredit gekauft hatte, „war tot“.
Den Unterschied zur Dotcom-Blase sieht Horowitz in der Nachfrage. Damals fehlten die Kunden, heute fehle das Angebot: GPUs mit Strom und Kühlung seien knapp. Amazon-Chef Andy Jassy habe ihm gesagt, man sei bis Ende 2028 ausverkauft. Token-Preise fielen zwar, GPU-Mieten aber nicht.
David Sacks hält den Absturz für bloße Schwankung
Sacks argumentiert, an den Grundlagen habe sich nichts geändert. Die Nachfrage nach Rechenleistung wachse weiter, selbst mehrere Generationen alte Nvidia-Chips wie H100 und A100 würden noch zu hohen Preisen vermietet. Ein Überangebot drohe nicht, weil Strom, Bau und Genehmigungen den Ausbau bremsen.
Die Kredite für die Boxen hingen zudem an der Bonität des Mieters, etwa Microsoft, und seien durch die GPUs besichert. Dass unbesicherte Anleihen am Zweitmarkt nur noch rund 80 Cent je Dollar kosten, ändere nichts am Kupon von rund 9,6 Prozent, den CoreWeave zahlt. Palihapitiya hielt dagegen: Für neue Schulden werde es sehr wohl teurer. Und drei Kunden stünden für rund 75 Prozent des Umsatzes.
Eine Wette auf Polymarket, die Calacanis zeigte, preiste eine CoreWeave-Insolvenz bis Ende 2027 mit 15 Prozent und bis Ende 2028 mit 23 Prozent ein. In der Runde wurde das als übertrieben abgetan.
Die Box-Erzählung passt nur teilweise zur Bilanz
Mehrere Aussagen der Hosts halten einer Prüfung nur eingeschränkt stand. Im Quartalsbericht sind von den rund 35,1 Mrd. US-Dollar Schulden rund 31,4 Mrd. als „recourse“ ausgewiesen – Gläubiger können also auf den Konzern zugreifen, nicht nur auf eine einzelne Box. Nur rund 3,7 Mrd. sind ohne Rückgriff. Die Isolation, die Intrator beschreibt, gilt damit nach unserer Lesart der Bilanz nur für einen kleinen Teil der Schulden.
Auch die Kundenkonzentration ist belegt: Im zweiten Quartal kamen 36, 26 und 10 Prozent des Umsatzes von drei Kunden, zusammen 72 Prozent. Der Zinsaufwand stieg im Quartal auf 640 Mio. US-Dollar nach 267 Mio. ein Jahr zuvor (24/7 Wall St.). Und der Markt ist pessimistischer als Chamath: Laut CNBC stiegen die CDS-Preise am 15. Oktober zeitweise über 1.140 Basispunkte, das entspricht mehr als 60 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit über fünf Jahre (Zusammenfassung bei Hoodline).
Die stärkste Gegenposition kommt von Nvidia. Konzernchef Jensen Huang sagte am 15. Oktober, CoreWeaves Kapitalkosten würden „eigentlich sinken“; finanzielle Hilfe von Nvidia sei nicht nötig (roic.ai). Die Aktie schloss an dem Tag knapp 6 Prozent höher. Nvidia ist allerdings selbst Großaktionär und Lieferant von CoreWeave – unabhängig ist diese Einschätzung nicht. Auch die Hosts sind Tech-Investoren mit eigenen Interessen am KI-Boom.
Für Krypto-Anleger ist das kein fremdes Thema
CoreWeave hat als Ethereum-Miner angefangen, IREN war ein Bitcoin-Miner. Mehrere börsennotierte Miner bauen ihre Rechenzentren inzwischen für KI-Kunden um und finanzieren das ebenfalls mit Schulden. Für sie gilt dieselbe Frage: Reichen langfristige Mietverträge, um teurer werdende Kredite zu bedienen?
Chamaths Zinsargument reicht noch weiter. Steigt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 5,5 bis 6 Prozent, werde jedes Geschäftsmodell „überrollt“, das von einem Finanzierungsaufschlag lebt. Unsere Einschätzung: Ein solches Zinsumfeld würde auch Bitcoin und andere riskante Anlagen belasten – das ist aber eine Ableitung, keine Aussage aus dem Podcast.
Unsere Einschätzung
Was dafür spricht
- Vertraglich zugesagte, noch nicht erbrachte Leistungen von 103,7 Mrd. US-Dollar laut Quartalsbericht, 41 Prozent davon bis Mitte 2028.
- Knappe GPU-Kapazitäten: Selbst alte Chips sind laut Sacks noch gut vermietet.
- Bestehende Anleihen behalten ihren Kupon; der Renditeanstieg trifft vor allem neue Schulden.
Was dagegen spricht
- Rund 31,4 Mrd. US-Dollar Schulden mit Rückgriff auf den Konzern widersprechen dem Bild abgeschotteter Boxen.
- 72 Prozent des Umsatzes von drei Kunden – fällt einer aus, wackelt die Rechnung.
- Festpreisverträge schützen nicht vor steigenden Zinsen; nach Chamaths Schätzung fehlen nur rund 5 Mrd. US-Dollar bis zur Gewinnschwelle.
- Gartner erwartet bis 2030 eine Bereinigung, in der über 80 Prozent der Neoclouds ihre Eigenständigkeit verlieren.
Worauf du achten solltest
- Zu welchem Zins CoreWeave die nächsten Milliarden aufnimmt – das ist der eigentliche Test, nicht der Aktienkurs.
- Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen: Chamath nennt 5,5 bis 6 Prozent als Schmerzgrenze.
- Ob die CDS-Preise wieder unter 1.000 Basispunkte fallen.
Fazit
Die All-In-Hosts verteidigen die KI-Nachfrage und unterschätzen dabei die Bilanz. Rund 35 Mrd. US-Dollar Schulden, weitere rund 35 Mrd. im Plan und drei Kunden für fast drei Viertel des Umsatzes machen CoreWeave zu einer Wette auf billiges Geld, nicht nur auf KI. Dass selbst ein Befürworter wie Ben Horowitz die ganze Branche meidet, sagt mehr als jedes Plädoyer im Podcast. Entscheidend ist der Zins der nächsten Finanzierungsrunde.
Grundlage: All-In-Podcast, Folge vom 17. Oktober 2026 („CoreWeave Crash, AI Trade Cracks, Anthropic IPO Red Flags, Bill Gates Doomer“), Abschnitt 2:18 bis 31:14, aufgezeichnet am 15. Oktober (Apple Podcasts). Aussagen der Hosts sind ihre Meinung und von uns aus dem Englischen übersetzt. Weitere Quellen: CoreWeave-Quartalsbericht Q2 2026 (SEC), CNBC, Gartner. Was die deutschen Finanz-Podcasts zu CoreWeave sagen, zeigt unser Podcast-Radar. Kein Anlagerat.
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